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2016/01/29 15:56:44
Dr. W. Schiller
[OWP] Dorothea Sophia MIELCKE gesucht
Datum 2016/01/29 18:22:06
Kari Kupiainen via OW-Preussen-L
[OWP] Familienname Malas/Mallas/Mallast
2016/01/29 00:11:54
Inge Barfels
[OWP] Ostpreußen-Warte, Folge 02 vom Februar 1 954
Betreff 2016/01/30 02:06:44
Inge Barfels
[OWP] Ostpreußen-Warte, Folge 02 vom Februar 1 954
2016/01/29 09:27:34
Inge Barfels
[OWP] Standesamt zu Marwalde 1904. Sterbe-Neben-Register
Autor 2016/01/30 02:06:44
Inge Barfels
[OWP] Ostpreußen-Warte, Folge 02 vom Februar 1 954

[OWP] Ostpreußen-Warte, Folge 02 vom Februar 1 954

Date: 2016/01/29 16:47:46
From: Inge Barfels <inge.barfels(a)...

Seite 9   Der Kneiphöfische Markt und die Brudermordkeule in Königsberg. Von
Herbert Meinhard Mühlpfordt.
Foto: Das Kneiphöfische Rathaus – Haupteingang
Foto: Am Hundegatt (Aufn.: E. Blume)
Erstaunt wird sich selbst mancher alte Königsberger an die Stirn fassen: der
Kneiphöfsche Markt? Wo war denn der? 

Märkte hatten wir genug: da war der älteste von allen: der Altstädtische. Er
ist der einzige der Märkte der mittelalterlichen Stadt, der sich erhalten
hat; dann die Märkte der alten Vorstädte und Freiheiten: der Roßgärter
Markt, der Neue Markt, der Lindenmarkt (einst Ochsenmarkt genannt), der
Judenmarkt an der Kaiserstraße, der Viehmarkt. Di« Vorstadt der Altstadt,
der Steindamm, hatten gleich drei Märkte: den Pferdemarkt (später
Steindammer Markt), den Strohmarkt, der in den letzten Jahrzehnten wieder
seinen alten Namen Büttelplatz trug. Der Büttel war der Henker, und dort
stand das Altstädtische Hochgericht und der Heumarkt, früher „An den drei
Galgen" genannt, denn auch dort waltete der Henker, bis später das
Hochgericht auf den Veilchenberg verlegt wurde. Und zuletzt, aber wahrlich
nicht an geringster Stelle nenne ich den Fischmarkt, die unsterbliche
„Fischbrücke", wo die braven Fischweiber sich und den Königsbergern wie die
homerischen Helden die herrlichsten Grobheiten an den Kopf warfen! Wer wäre
von uns nicht voll innigstem Vergnügen über ihn geschritten! Um bei der
jungen Generation keinen Irrtum aufkommen zu lassen, den ich bereits einmal
gedruckt las —: mit der Schmiedebrücke hatte der Fischmarkt nichts zu tun —
sein Platz war der Kai zwischen Krämer- und Schmiedebrücke, denn im
Mittelalter nannte man den Kai (frz. Quai) „die Brücke". (Noch heute heißt
der Kai in Bergen in Norwegen, wo die deutschen Hansekauffahrteischiffe
anlegten, die „Tyske Brücke"). 

Also Märkte, von denen sich viel erzählen lässt, hatte Königsberg reichlich
— aber der Kneiphöfische Markt? Wo war der? 

Du brauchet dich nicht schämen, lieber Leser, dass du es nicht weißt — er
existiert seit der Erbauung unseres vornehm-schönen Kneiphöfischen Rathauses
im Jahre 1697 nicht mehr. Das Gebäude des mittelalterlichen Kneiphöfischen
Rathauses war ein Komplex von mehreren schmalen Häusern mit gotischen
Giebeln, wie es in unserer Zeit noch der Frankfurter Römer zeigt, und nahm
einen viel geringeren Raum ein, als der Neubau, sodass die Brotbänkenstraße
hier sich zu einem Platz erweiterte. Auf diesem stand, schräg vor dem
Rathause, die Kneiphöfische Marktwaage, wie es der Plan Berings von 1613
noch deutlich zeigt. 

Das also war der Kneiphöfische Markt. 

Jahrhunderte diente er meist friedlichen Zwecken, aber einmal erlebte er
eine furchtbare Tragödie: die Hinrichtung der drei Herzoglichen Oberräte des
greisen Herzogs Albrecht am 28. Oktober 1566. Die Opfer waren der
Hofprediger Magister Funk und die Räte Horst und Dr. Schnell. 

Es war eine finstere und traurige Geschichte um diese drei Anhänger der
Glaubenslehre des längst gestorbenen Andreas Osiander, des gewaltigen
Predigers und Reformators und Freundes Luthers, den Herzog Albrecht nach
seiner Vertreibung aus Nürnberg mit offenen Armen aufgenommen und zum
Prediger der Altstädtischen Kirche, Professor an der Universität und
Präsidenten des Samländischen Bistums gemacht hatte. 

Es war ein grauenhafter dreifacher Justizmord, der an diesen drei gänzlich
belanglosen Männern vollzogen wurde — sie waren schuldig der Misswirtschaft,
der Bestechlichkeit, des Klüngelwesens in einer verrotteten Staatsführung —
aber nie und nimmer waren sie des Todes schuldig. Sie starben, weil man des
wirklich Schuldigen — des Hochstaplers Skalichius — nicht habhaft werden
konnte und weil wieder einmal die in religiösem Fanatismus aufgestachelte
Volkswut ihr Opfer haben musste. Die Drahtzieher dieses schmählichen
Prozesses saßen im Umkreis der polnischen Krone, die sich hier die
Gelegenheit nicht entgehen ließ, dem eigenwilligen Preußenherzog ihre Macht
fühlen zu lassen, indem sie sich schamlos an seinen Räten vergriff. 

Wochenlang vorher waren die drei Opfer bereits von Verhör zu Verhör
geschleppt worden. Am 28. Oktober um die zehnte Stunde wurde das Urteil
gefällt. Eine Stunde später war es bereits vollstreckt: 

Vor dem Sandhaufen und dem Block standen zitternd und bebend die drei
Verbrecher und hörten, aschgrau im Gesicht ihr Urteil an, das ihnen der
Schöppenmeister (oberster Richter) des Kneiphöfischen Gerichtes, Dominikus
Perbandt, verlas: 

„Weil diese drei gegenwärtigen Personen, Horst, Funk und Schnell von E. E.
Landschafft als Missethäter und publicae tranquillitatis perturbatores
beschuldigt und angeklagt seyn werden; und aber sie vor gehegter Banck, auf
freyen Füßen, ungefangen und ungebunden, ihre Urgicht ( = Aussage im
Prozess) und Bekenntniß, welche zu Schaden und Verderb dieser Land und Leute
gereichet, öffentlich zugestanden haben, so soll doch ihr eigen Bekenntniß
ihre Überwindung seyn, und sollen es verwetten und verbüßen vom Leben zum
Tode vermöge der üblichen Rechte. Was Recht ist von Rechts wegen zeugt ein
gehegt Ding d. 28. Octobris 1566“. — 

Zuerst wurde Dr. Schnell, der vor Todesangst fast wie erstorben war, zum
Block geführt, mechanisch kniet er auf dem Sandhaufen nieder; ohne einen
Laut, mit einem Blick wie ein irres Tier legte er den Kopf auf den Block; in
den Strahlen der blassen Herbstsonne blitzend fuhr das Richtschwert des
Henkers Adam Prange sausend durch die Luft — ein Pfeifen, ein knirschendes
Krachen, ein gurgelnder Laut, der nichts Irdisches mehr hatte — und das
Haupt des in weitem Bogen das Blut verspritzenden Leichnams, der vorher der
Fürstliche Rat Dr. Hans Schnell gewesen, rollte in den Sand —. 

Dann brachte man Funk, der mit stieren Augen dem entsetzlichen Schauspiel
gefolgt war, an den blutüberströmten Richtblock; er zitterte und jammerte
wie ein Kind und bat alle kleinmütig um Verzeihung, bekennend, „er habe übel
getan, dass er sich aus seinem Beruf begeben und dem Fürsten mehr, als Gott
gedienet". 

Doch als der Henker das zweite der drei Richtschwerter ergriff, sagte er
etwas gefasster zu dem Nachrichter: „Fahr' nun fort!" 

Die Menge, die schweigend und mit bleichen Mienen der Hinrichtung zugesehen
hatte, fing an zu singen: „Nun bitten wir den Heiligen Geist" — derweilen
schwang der Scharfrichter das Schwert — es pfiff durch die Luft — und auch
Johann Funks blutiges Haupt fiel wie ein Ball zur Erde. 

Matthias Horst, dessen Hochzeitstag sich heute jährte, hatte mit
weitaufgerissenen Augen auch dieser zweiten Hinrichtung zugesehen, mit
erbärmlichem Blick schaute er auf die kopflosen Leichen, dann fasste er sich
ein Herz und sagte Aufschub heischend zum Henker: „Halt, lass mich zuvor
beten!" Er fiel auf die Knie und las ein Gebet aus einem Büchlein, das er in
den Händen hielt. 

Dann trat er an den Block und sagte zum Scharfrichter: „Tue nun, was dir
befohlen ist!" 

Indes das Volk sang: „Du wertes Licht, gib uns deinen Schein", ward auch ihm
das Haupt abgeschlagen. — 

Die Leichen der drei Gerichteten wurden auf dem Neuen, erst vier Jahre zuvor
gegründeten, Haberberger Kirche, in eine Kuhle geworfen und verscharrt. Die
Richtschwerter, mit denen die Hinrichtung vollzogen worden war, wurden noch
im Jahre der Vereinigung der dem Kneiphöfischen Rathause aufbewahrt. 

Über dem Grabe aber erhielten die drei Opfer einer schamlos hörigen Justiz
ein gemeinsames Epitaph mit der Inschrift, die der alte Chronist Christoph
Hartknoch mitteilt: 

„Christlicher Leser, wer du bist, 
Merck' auf, wer hier begraben ist! 
Es waren drey Männer wohlgelehrt, 
Die gerichtet worden mit dem Schwerdt, 
Der erste Jan Funk, Magister, 
Ein predikant und ein Priester, 
Der andre Mathis Horst gemeldt, 
Ein beredter und Irischer Held, 
Der dritte hieß Johannes Schnell 
In Rechten ein ertahr'ner G'sell, 
War'n Fürstliche Räthe alle drey. 
Den‘n Gott der Herr barmherzig sey! 
Woll ihnen und uns allen geben, 
Nach dieser Zeit das ewig Leben! 

Als dann das schöne Barockrathaus, das uns allen noch goldleuchtend in der
Bestrahlung elektrischer Scheinwerfer in Erinnerung ist, 1695 bis 1697
erbaut wurde, schmälerte die weitausladende wunderschöne Freitreppe mit den
beiden Bären als Wappentieren des Kneiphofes einen guten Teil des Marktes. 

In der Schreckensnacht des 29./30. August 1944 aber sanken unter tausenden
englischen Phosphorbomben das schöne Rathaus sowie die ganze alte Stadt
Königsberg in Schutt und Asche. Merkwürdigerweise aber blieb diese
Freitreppe völlig verschont. 

Als ich, selbst obdachlos geworden, in den nächsten Tagen dennoch meine
geliebte, geschändete Vaterstadt durchstreifte, um zu sehen, was noch übrig
war von den reichen Kunst- und Kulturwerten in ihr, da fand ich in der
rechten Ecke des Mittelbaues der Treppe noch das Halseisen des ehemaligen
Prangers, der ja auf keinem mittelalterlichen Markte fehlte, wohlbehalten
angeschmiedet. Und in der linken Ecke hing noch unversehrt die sog.
Brudermordkeule, oder, wie sie richtiger heißen müsste, Muttermordkeule. 

Auch um sie rankt sich eine dunkle Geschichte, die der „Bädeker"
Königsbergs, der Chronist Caspar Stein, in seinem lateinisch geschriebenen
„Peregrinator" von 1644 uns genau erzählt. Der alte Arnold Charisius in der
Roßgärter Passage, der ja mehr ein stiller Privatgelehrter als Buchhändler
war, hat das Buch 1910 ins Deutsche übersetzt. 

Am Dienstag nach dem hlg. Dreikönigkeitstage 1550 erschlug Johann Wegner mit
dieser kurzen eisernen Keule seinen Stiefvater, dann wandte er sich gegen
seine leibliche Mutter und erschlug auch diese. 

Über das Motiv der entsetzlichen Tat schweigt Caspar Stein. Johann Wegner
muss aber wohl ein besonderes Scheusal gewesen sein, denn er hatte, offenbar
ohne Gewissensbisse, die Ruhe, die vom Blut einer Mutter triefende Keule zu
vergraben, alle Spuren möglichst zu verwischen und sich harmlos in den Kreis
seiner Freunde zu mischen, um für alle Fälle ein Alibi zu haben. 

Aber dennoch brachte die Sonne auch dieses Verbrechen an den Tag: wenige
Tage nach dem furchtbaren Doppelmord, als die drei Städte Königsbergs voll
waren von der Tat, suchte der Mörder einen Schuhmacher auf und brachte ihm
seine vom Blut der Mutter besudelten Schuhe zur Ausbesserung. Der Meister
sah die Flecke, schöpfte Verdacht und brachte die Schuhe, kaum, dass der
Mörder ihm den Rücken gewandt, zum Kneiphöfischen Rat, der sofort in aller
Heimlichkeit Ermittlungen anstellte, die schnell zur Verhaftung Wegners
führten.

Er wurde vom Kneiphöfischen Gericht, damals noch unangekränkelt war von
schwächlichen Humanität der Jetztzeit, zum Tode verurteilt; das Herzogliche
Hofgericht bestätigte das Urteil und alsbald ward es vollstreckt: Johann
Wegner musste, verkehrt auf einem Esel sitzend, den Schandumritt durch die
drei Städte machen, wobei er von der johlenden Menge verhöhnt, angespien und
mit molschen Äpfeln und faulen Eiern beworfen wurde. Alsdann wurde er auf
dem Kneiphöfischen Hochgericht mittels riesiger glühender Zangen zerrissen
und schließlich gerädert.