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2006/02/18 16:28:41
Nathalie Tschirner
Re: [OWP] Hantel
Datum 2006/02/18 17:46:46
Irmi GS
Re: [OWP] Hantel/Söcknick/Tolkmitt/Kirstein
2006/02/19 17:41:18
Eva Tribiahn
[OWP] Re: Leibeigenschaft in Ostpreußen...? (ViktorHaupt(a)aol.com)
Betreff 2006/02/26 10:22:30
Irene Gravender
[OWP] lieste
2006/02/12 21:08:40
David Manthei
RE: [OWP] Gemeineseelenliste Gursen Teil 3
Autor 2006/02/08 18:53:09
Denisjestmikusz
[OWP] Adressbuch Lötzen

RE: [OWP] Leibeigenschaft in Ostpreuen...?

Date: 2006/02/18 17:17:46
From: David Manthei <dpaulm(a)...

Hallo

So farmers came to East Prussia in the Mid 1700s'.Is there a film or where would the records for this be located?I am looking for my relatives in East Prussia.I can not find them past
  1794.They may have come there from some place else.



Thank You
 David P. Manthei







From: ViktorHaupt(a)...
Reply-To: OW-Preussen-L <ow-preussen-l(a)...
To: ow-preussen-l(a)...
Subject: [OWP] Leibeigenschaft in Ostpreußen...?
Date: Fri, 17 Feb 2006 20:17:11 EST

In den Beiträgen über Awizio in Kutten, Kreis Angerburg, wird bezug genommen
auf Leibeigenschaft und Gutsuntertänigkeit in (Ost-)Preußen.  Grundsätzlich
möchte ich dazu anmerken, daß es sich in Preußen rechtlich niemals  um
Leibeigenschaft wie in Rußland gehandelt hat. Bauern konnten hier niemals verkauft
werden wie Sklaven.

Es gab in Preußen allerdings die sogn. Gutsuntertänigkeit der Bauern.
Hierbei muß man unterscheiden die adeligen Güter mit Patronatsrecht und eigener Gerichtsbarkeit und dem königlichen Besitz, der den Domainenämtern unterstellt
war. Auf beiden Arten von Grundbesitz gab es gutsunterthänige Bauern, die
einerseits ziemlich genau definierte Pflichten, sogn. Scharwerk, abzuleisten hatten, andererseits aber auch durch die Fürsorgepflicht des Grundherren eine relativ abgesicherte Position hatten. Die erbunterthänigen Bauern saßen in der
Regel auf etwa einer Hufe Land (etwa 15 ha), bekamen als Erstausstattung
Saatgut, Möbel, Werkzeug, Vieh und Wohnung gestellt, hatten das Land ordentlich zu bewirtschaften, um sich davon zu ernähren, führten dafür einen sogn. Zins an den Grundherrn ab (früher in Naturalien, später in Geld) und hatten darüber
hinaus an in der Regel genau festgelegten Tagen für den  Grundherren auf
dessen Besitz genau definierte Arbeiten zu erledigen (sogn. Scharwerk). Wenn z.B.
nach einem Brand beim Bauern das Haus neu erbaut werden  mußte, hatte der
Grundherr Baumaterial zu stellen und für die Bauleistung des Bauern diesem sogn. Freijahre zuzugestehen; nach Mißernten wurde Saatgut neu ausgegeben oder der
Zins erlassen. In der Regel wurde einem fähig  erscheinenden Sohn nach dem
Tode des Bauern die Bauernstelle weitergegeben. Wenn jedoch ein Bauer sich als unfähig erwies, das ihm zugewiesene Land ordentlich zu bewirtschaften, er aus eigenem Verschulden sich nicht ernähren und keinen Zins abliefern konnte, war
der Grundherr seiner Fürsorgepflicht entbunden und konnte  die Stelle neu
besetzen.

Auf dem königlichen Land wurden die erbunterthänigen Bauern von dafür
zuständigen Amtmännern und den Verwaltungsbeamten des Domainenamts sehr fair behandelt. Wenn Amtmänner sich durch Mißbrauch ihrer Rechte zu bereichern suchten,
zog das empfindliche Strafen nach sich. Bereits ab 1777 ging  man in
Ostpreußen auf speziellen königl. Befehl dazu über, den erbunterthänigen Bauern auf
königl. Domainenland das von ihnen besessene Land gegen höhere  Steuern zum
Eigentum zu überlassen und die Scharwerksdienste aufzuheben. Es gab aber ganze Dorfschaften, die lieber in der Erbunterthänigkeit verblieben, weil es ihnen zu
risikoreich erschien, ganz und gar auf eigene  Rechnung zu wirtschaften.
Andererseits haben sich in einigen Fällen auch einzelne ehemals erbunterthänige Bauern durch tüchtiges Wirtschaften und auch taktisch kluges Zukaufen (freies
Bauerneigentum konnte beliehen werden!) zu  recht ansehnlichen Betrieben
hochgewirtschaftet. Wenn man die diesbezüglichen Akten im GStAPK zu einzelnen Regionen durchsieht, kann man nachvollziehen, wie sich aus ursprünglich völlig gleich verteilten Grundbesitz (alle erbunterthänigen Bauern eines Dorfes hatten
in der Regel exakt die gleiche  Fläche von mehr oder weniger 1 Hufe) nach
einigen Jahrzehnten ein ganz  neues Bild an Besitzverteilung ergibt.

Die Erbunterthänigkeit stand in sehr schlechtem Ruf. Die unfreien Bauern
galten nichts. Kein Abkömmling eines Köllmers (also freier Bauer, der seinen Grundbesitz zu freien Rechten, vererbbar, beleihbar und verkaufbar besaß) hätte jemals in eine erbunterthänige Bauernfamilie eingeheiratet. Der schlechte Ruf
ist allerdings auch durch Mißbrauch der Rechte durch einzelner adelige
Grundbesitzer entstanden, die ihre Fürsorgepflichten vernächlässigten, unzulässige Scharwerkstage ansetzten, ihre Bauern so mit Fremdarbeit belasteten, daß sie
die ihnen zur Selbstversorgung überlassenen Acker nicht ordnungsgemäß
bestellen konnten, die Bauern mit dem Zins in Rückstand kamen und nicht selten einfach bei Nacht und Nebel flüchteten, um irgendwo in einer Stadt als Tagelöhner
unterzukommen. Die adeligen Grundbesitzer ließen diese entwichenen  Bauern
verfolgen und stritten sich in Einzelfällen sogar mit den Städten, die solche Fremden aus unklarer Herkunft aufnahmen und der Jurisdiktion des Gutsherren
entzogen.

Ab 1806/07 wurde vom preußischen Staat unter der Federführung der Minister
Hardenberg und vom Stein die Reformen eingeleitet, die dann, wie ich finde
recht idealisierend, als Bauernbefreiung bezeichnet wurden. Wie schon auf dem staatlich/königlichen Land mußten nach diesen Reformen auch die adeligen Güter
die bisherigen Formen der Erbunterthänigkeit aufgeben. Die Bauern erhielten
gegen eine höhere Abgabe ihr Land zu Eigentum, in einigen Fällen zog sich die
Umwandlung und Abzahlung über einige Jahrzehnte hin. Wie schon ab 1777 auf
königlichem Land kam nun auch auf ehemals unter Gutsherrschaft stehenden Dörfern
 eine rigorose Umverteilung des Besitzes in Gang. Innerhalb weniger Jahre
konnte  viele der neuen freien Bauern ihren Besitz, sei es durch
selbstverschuldete Mißwirtschaft oder durch unglückliche Umstände, nicht halten und verkauften weiter. Oder durch Generationenwechsel änderten sich die Verhältnisse und eine Wittwe verkaufte oder jemand suchte sein Glück in der Stadt... usw. Es entstanden viele bürgerliche Gutshöfe oder Großbauern, kleine Besitze wurden zusammengekauft und viele Menschen wanderten in die wachsenden Städte ab. Als
Ersatz für die fehlenden Arbeitskräfte wurden Wanderarbeiter aus den
russischen Nachbarländern angeworben (bis zum Ende des Zarenreichs hatte Ostpreußen ausschließlich mit Rußland eine gemeinsame Grenzlinie). Die Landwirtschaft und
die Anbaumethoden intensivierten und professionalisierten sich, die Erträge
wurden gesteigert und es entstand der Ruf Ostpreußens als sogn. Kornkammer
Deutschlands...

Das kann keine vollständige und umfassende historische Darstellung der
Entwicklung sein. Ich wollte nur einige Anregung geben, sich bei Bedarf mit dem
Thema tiefer auseinanderzusetzen und die historisch falschen Annahme von
Leibeigenschaft in Preußen klarstellen. Ich hoffe, es hilft den daran
Interessierten weiter. Bei Bedarf gebe ich gerne eigene Erfahrungen aus einschlägigen
Archivquellen weiter oder gehe auf einzelne Fragen tiefer  ein.

Grüße aus Berlin

Viktor Haupt

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