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2001/07/10 00:33:30
Guenter Boehm
Re: [SCI] Lager-Wüstegiersdorf/Lomnitz
Datum 2001/07/10 01:37:33
Alfred Zahlten
Re: WG: AW: [SCI] Traurig aber wahr! Originaldokumente in der Waldenburger Sammlung
2001/07/05 14:33:36
Winfried Schoen
[SCI] Verkartung, Zusendung
Betreff 2001/07/10 11:46:50
>Gerd Mullenheim<
AW: [SCI] Verstehe einige Listenteilnehmer nicht!
2001/07/27 22:58:48
Hubert Woelky
Re: [SCI] Katscher Kr. Leobschütz
Autor 2001/07/03 14:37:40
Ingolf Vogel
[SCI] Bürgerbuch Beuthen O/S

[SCI] Verstehe einige Listenteilnehmer nicht!

Date: 2001/07/10 01:10:31
From: Ina x.x <sunflower_ina(a)hotmail.com>


Liebe Listenteilnehmer!

So langsam geht mir der Hut hoch. Da leben wir in einer Welt in der Toleranz
und Meinungsfreiheit so groß geschrieben wird und was erlebt man da?! Die hochgepriesene Toleranz reicht nicht mal für einen Blick über den eigenen Tellerrand.
Ich verstehe die Äußerungen, bzw. das Verhalten einiger Listenteilnehmer nicht. Wieso ist es nicht möglich sich normal über geschichtliche Ereignisse und die damit verbundene Politik zu unterhalten!?


Ich bin 34 Jahre alt und beschäftige mich seit rund 10 Jahren mit der
Ahnenforschung. Dabei musste ich feststellen, daß gerade die Zusammenhänge in der Familiengeschichts- und Ahnenforschung nun mal nicht ohne Kenntnisse über die geschichtlichen Ereignisse geht. Wohl keiner hier rühmt sich mit den Ereignissen der Vergangenheit und ist stolz darauf und nicht jeder der hier auch mal eine politische Bemerkung im Zusammenhang abgibt ist doch gleich neonazistisch veranlagt oder will einen anderen Teilnehmer in eine politische oder religiöse Richtung zwingen. Wie war das mit der Meinungsfreiheit?


Da ich leider keine Verwandten mehr habe, die mir vom damaligen
Zeitgeschehen berichten können, fehlen mir viele Kenntnisse. Oft überlege ich warum meine Angehörigen ihre Heimat verlassen haben, möchte Fakten und Hintergründe kennen lernen. Was ich zu meiner Schulzeit im Geschichtsunterricht gelernt habe, ist mir dabei keine große Hilfe. In Büchern wird mir auch nicht das geboten, was ich in Erfahrung bringen möchte. Das was ich suche erhalte ich nur aus Gesprächen, mit Zeitzeugen! Da ich beruflich sehr viel mit älteren Leuten zu tun habe, habe ich für mich persönlich so viele interessante Informationen bekommen, die ich in keinem Buch wiederfinde.


Oder wo steht geschrieben, daß es "höheren Töchtern" verboten war arbeiten zu gehen? Eine junge Frau, die sich nichts mehr gewünscht hat, als Lebensmittelchemie zu studieren. Dieselbe junge Frau, die sich als Kind gewünscht hatte Holzpantinen tragen zu dürfen, statt Lederschuhe, weil es viel einfacher war die Holzpantinen ihren Spielkameraden hinterherzuwerfen.
Und auch diese Frau war es, die über Umwege erfahren hatte, daß sie ihre Heimat verlassen muß, weil die Russen einmarschieren. Bei Nacht und Nebel legte sie ihren 9 Monate alten Sohn in einen viel zu kleinen Kinderwagen um sich mit ihm auf den Weg zu machen. Nähte Geld in die Kissen, Windeln und Kleidungsstücke des Babies ein und versteckte Schmuck, Besteck und Briefmarken unter den Matratzen des Kinderwagens. Dieselbe Frau war es auch,die ein zweites Kind bekam, eine Tochter die zu früh geboren wurde. Das Kind musste sterben, weil es ein Mädchen war und es sich lt. Hitler nicht "lohnte" ein Mädchen aufzupäppeln , weil sie für spätere Kriegseinsätze nicht brauchbar waren.


Dann war da noch der Mann, der im Krieg Erfrierungen an den Füßen erlitten hatte, der erst vor 8 Jahren anfing, die Spätfolgen zu bemerken. Nachts immer noch schreiend aufwachte, weil er dachte er wäre immer noch im Krieg.

Mein Großvater, der im Krieg an Malaria erkrankte und in russische
Gefangenschaft geriet. Und als er vor 10 Jahren starb in den letzten
Lebenstagen in die Vergangenheit zurückversetzt wurde und von
Kriegserlebnissen fantasierte. Meine Oma, die in ihrer Angst vor den Russen ihre Wertsachen unter der Treppe im Haus versteckte in der Hoffnung, sie würde einmal wieder in das Haus der Schwiegereltern zurückkommen. Sie war es auch, die mit 28 Jahren über Nacht schneeweiße Haare bekam, weil sie erfuhr, daß ihr Mann in den letzten Kriegstagen gefallen war. Ohne je seinen Sohn kennen gelernt zu haben.


Aber es gibt auch noch den Mann, der bei der Marine war und noch heute
voller Stolz das Foto "seines" Kapitäns auf dem Schreibtisch stehen hat und mir jedesmal berichtet, daß er einen dicken Fußnagel hat, weil während eines Einsatzes ein Matrose draufgesprungen ist.
Der Mann, der mit verschmitztem Grinsen und leuchtenden Augen von seiner großen Liebe "Mary Belle" erzählt, die er kennen lernte als er sich während des Krieges in Australien aufhielt, die ihm einen Bumerang schenkte in der Hoffnung er würde eines Tages zurückkommen.


Das alles sind Erlebnisse von Menschen, die am Zeitgeschehen teilgenommen haben und trotz der harten Kriegswirren und der vielen Ängste, Nöte und Sorgen nie die Hoffnung verloren haben. Die der ganzen Negativität auch noch positive Seiten abgewinnen konnten. Die Leute, die von sich aus niemals einen Krieg angefangen hätten, trotzdem mitgemacht haben, weil sie Angst um ihre Familie und ihr eigenes Leben hatten. Geschichten, die für mich erst die Geschichte interessant gemacht haben, die in keinem Buch stehen und von
denen kein Geschichtslehrer erzählt hat.


Dazu gehören auch die politischen Ereignisse, ich möchte die Hintergründe wissen, um zu erfahren, warum viele ältere Menschen verstockt und vergrämt sind, immer wieder an den selben Krankheiten erkranken, die selben Alpträume haben. Was sie gegessen haben, wie sie lebten, wie sie ihre Freizeit verbracht haben, was sie für Kleidung getragen oder was für Musik sie gehört haben. Ich möchte wissen, warum sie sich nicht wehren konnten. Was die Hintergründe waren, daß sie sich politisch organisiert haben.

Kurzum, es gab gute und schlechte Zeiten! Es gibt sie immer noch und es wird sie auch immer geben! Es stört mich auch, wenn wir als junge Menschen noch heute für die Ereignisse der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden.
Aber das alles hat es gegeben, und man muß es verarbeiten und den Leuten die darüber reden möchten die Möglichkeit geben ihnen zuzuhören. Es ist nicht eine Wand, die einfach mit neuer Farbe gestrichen, eine Mauer die einfach abgerissen oder eine Seuche die einfach ausgerottet wird! Durch Ignoranz wird doch die Wahrheit nur verdrängt und die Handlung diverser Menschen provoziert!!!


Also, ich bitte doch sehr um mehr Toleranz dem Mitmenschen gegenüber!
Wer dazu nicht in der Lage ist, dem empfehle ich statt der Teilnahme an dieser Liste doch eher einen Häkelclub im Seniorenheim! Dann aber
Augenbinde, Oropax und Pflaster (für den Mund) nicht vergessen! Denn nur mit dem Verhalten der drei Affen kann man sich der Wirklichkeit vielleicht entziehen!


Mit freundlichen Grüßen

Sabine Schulz
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